Orthodoxie

Aus der Sicht und im Vergleich zum christlichen Glauben

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Beitragvon rudolf » Do 17. Jul 2014, 18:09

Hallo Forum,

Ich war hier mal registriert, habe mich dann aber abgemeldet und jetzt suche ich doch wieder euren Rat. Vielleicht erkennt mich ja einer an meinem Schreibstil wieder, sonst spielt das auch keine Rolle. Auf jeden Fall ein zweites Mal hallo an alle von mir. :D

Ich war vor einiger Zeit im östlichen Europa und hatte dort viel Kontakt mit orthodoxen Kirchen und Klöstern, und versuche momentan für mich persönlich ein bisschen ein Vergleich der Konfessionen aufzustellen. Nichts wissenschaftliches, nur um meine konfessionelle Heimat finden zu können. Ich bin froh über jeden, der ein bisschen etwas über die Orthodoxe Kirche weiss, was sich nicht gerade auf der ersten Seite findet, wenn man googlet, so ein Grundwissen habe ich bereits und versuche auch mal für andere Suchende etwas zusammenzustellen.

Auffällig ist für mich der Bilderkult. Die Kirchen sind vollständig bemalt, überall gibts Ikonen und biblische Szenen (Zweiteres ist wohl vergleichbar mit röm.-kath. Bemalungen). Die theologische Erklärung für die Bilder finde ich durchaus sinnvoll und verständlich, hier eine (zu) kurz gefasste, ungefähre Version: Gott hat sich uns durch Jesus offenbart, gewissermassen hat er uns also ein Bild von sich gegeben, durch welches wir Gott sehen können. Jesus wird im NT ja auch als Tür (Joh 10,9) beschrieben, also quasi etwas durch das man durchgeht (siehe auch Joh 14,6 - man beachte das "durch"). Und diese Bilder sollen eben (nach platonischem Vorbild) eine Pforte sein. Man verehrt nicht das gemalte Bild Jesu, sondern sieht es als Pforte zum echten Jesu hinter diesem Bild.

Das gleiche gilt für die Ikonen, das ist Punkt 2, der für mich sehr auffällig ist. Man küsst Ikonen und bekreuzigt sich vor ihnen. Natürlich gilt auch hier die Verehrung dem (verstorbenen) Heiligen, der abgebildet ist, und nicht dem Bild selbst. Das finde ich ein bisschen schwieriger: Aus protestantischer Sicht ist es äusserst fragwürdig, so mit heiligen umzugehen, da doch Jesus alleine im Zentrum stehen sollte. Aber ich lasse das mal offen, vielleicht habt ihr ja eine Meinung, Erklärung dazu? Ich selbst bin nicht der protestantischen Ansicht verpflichtet und deshalb auch offen für positive Kritik an der Ikonenverehrung.

Bemerkenswert ist auch, dass man im Gottesdienst steht (teilweise Frauen und Männer getrennt) und nicht wie bei uns üblich sitzt. Begründet wird das mit dem Auferstandenen, der wie das Wort es sagt, steht. Für alte und schwache Menschen sind aber am Rand der Kirche entlang Sitzgelegenheiten angebracht.

Dass man steht, ist das eine - aber dazu steht man noch lange: Ein Gottesdienst dauert locker mal zwei oder drei Stunden, dann wird stehen (zumindest für mich, der sich das nicht gewohnt) schon anstrengend.

Auch wert erwähnt zu werden ist die Organisation. Anders als bei der römischen Kirche gibt es kein einzelnes Oberhaupt. Der Patriarch von Konstantinopel hat eine Vorrangstellung, ähnlich wie unser Bundespräsident, aber ist den anderen deswegen nicht übergeordnet ("Erster unter gleichen"). Auch anders als während langer Zeit bei der römisch-katholischen Kirche ist, dass nationale Unterschiede in der Sprache ganz normal sind. Jedes Land hält die Gottesdienste in eigener Sprache ab - was dazu führt, dass es heute zig verschiedene orthodoxe Gemeinden in Auswanderungsregionen gibt, oftmals in einer Stadt z. Bsp. eine russisch-orthodoxe Gemeinde, eine serbisch-orthodoxe, eine griechische...

Theologisch ist für uns Westeuropäer bemerkenswert, dass der heilige Geist und Spiritualität viel stärker betont sind. In protestantischer Tradition wird oftmals Jesus und der Tod am Kreuz ganz klar ins Zentrum der Dreieinigkeit gestellt, und in der römischen Kirche habe ich manchmal fast das Gefühl, Maria habe diesen Platz in der Dreieinigkeit eingenommen. In der Othodoxie wird diese Hochhaltung des Geistes zum Beispiel auch im Glaubensbekenntnis ein bisschen deutlicher als bei der katholischen Kirche.

Es gäbe noch viel zu berichten und ich beantworte auch gerne noch einige Fragen, sofern ich das kann. Aber soweit ich mich erinnern kann, gibts hier mindestens eine Person, die wohl noch wesentlich besser Auskunft geben kann, weil sie selbst orthodox ist. :)

Mir ist die orthodoxe Kirche grundsätzlich sehr sympathisch. Die lange Tradition, die Hochhaltung des Geistes, die unglaublich schönen Kirchen, keine abstrusen Dogmen wie Unfehlbarkeit und ein Umgangston, der mehr auf Heilung von Kranken und Umkehr beruht, als darauf, von richtig und falsch zu sprechen, wie das bei uns im Westen, von römisch-katholisch bis in evangelikale Freikirchen oftmals getan wird.
Bisher war ich in der Schweiz aber nur einmal in einem orthodoxen Gottesdienst, und der war auf serbisch. Das ist mir natürlich ein Dorn im Auge, meine Gemeinde sollte schon deutschsprachig sein - aber vielleicht kommt das ja in den folgenden Jahrzehnten. Momentan ist das aber schon das grösste Hindernis, warum ich nicht orthodox sein könnte. Dazu stehe ich dem ganzen Ikonenkult etwas skeptisch gegenüber, und die (zwar wunderschönen) Kirchen wirken auch ein bisschen Prunkhaft. Von biblischer Bescheidenheit spürt man sehr wenig in den Kirchen, wo Gold oftmals eine sehr präsente Farbe ist.

Keine Ahnung, wie interessant dieses Thema für euch hier überhaupt ist, oder ob das wenig Beachtung findet. Auf jeden Fall freue ich mich auf jede weitere Info oder Erfahrung, die irgendwas mit der orthodoxen Kirche zu tun hat. Auch auf persönliche Meinungen (solange es nicht reine Hassreden sind) bin ich gespannt. Ich kann mir gut vorstellen, dass Leute aus dem reformierten Kreis und aus Freikirchen der Orthodoxie wohl etwas skeptischer gegenüberstehen. ;)

Danke für Rückmeldungen jeglicher Art und :praisegod: , der ist ja schliesslich in jeder Konfession der gleiche. :D
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Re: Orthodoxie

Beitragvon Jeshu » Do 17. Jul 2014, 19:49

Freut mich, dass Du wieder da bist - Benji... oder? :)
Schade, dass ich Dir hier keine fundamentale Auskunft zum Thema geben kann, deswegen bleibt's beim "welcome back"!
Klingt für mich recht "christusnah", was Du schreibst, das allein ist schon eine gute Glaubensbasis..
So, und jetzt bekommst Du hoffentlich bald eine "ordentliche Antwort"... ;)

LG
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Re: Orthodoxie

Beitragvon Columba » Fr 18. Jul 2014, 09:13

Hallo Rudolf

Ich sehe in den drei grossen Kirchenrichtungen vor allem die Gemeinsamkeiten, die sich in verschiedenen Sprachen ausdrückt:

1. Orthodoxie
Es ist eine antike Sprache aus dem Denken des Nahen Ostens und der welt-griechisch orientierten Christen, die einerseits im jüdischen Denken eine Stütze haben andererseits im Hellenismus leben. Dieses Denken drückt sich - typisch antik - in einer reichen Bilder- und Hymnensprache aus. Der Schwerpunkt ist die Sprache nicht das Bild. Die Bilder erzählen die Bibel, lehren und illustrieren das Evangelium, jede Einzelheit ist wie ein Wort. Für unsere Zeit übersetzt ist es eigentlich eine Andacht, ein Bekenntnis oder eine Dogmatik, die sich in Hymnen, Bildern, Bewegung - also ganz sinnlich - ausdrückt.

2. Katholizismus
Es ist die weltumspannende Sprache des Mittelalters. Im weltumspannenden Latein drückt sich die Glaubenswelt aus. Von Augustinus über Thomas von Aquin wurde die Klarheit des Denkens entwickelt. Die Eigenständigkeit der Glaubenswelt Kirche wird betont, das geht bis ins Rechtssystem weiter.

3. Protestantismus
Hier wird die Glaube fürs Denken der Neuzeit bereit gemacht. Die industrielle Verbreitung der Sprache (Buchdruck) benötigt eine klarere Ausdrucksweise angepasst an die Möglichkeiten, die die Druckerpresse bietet. Das Bild tritt deswegen in den Hintergrund. Logisch aufgebaute Katechismen, in Landessprachen, sind gefragt. Humanismus und Aufklärung fordern neue Antworten auf die alten Fragen des Glaubens.

4. ??????????
Was kommt wohl jetzt für eine Kirche in der Zeit der schnellen Verfügbarkeit von Bildern und Hörbarem und von den Sozialen Medien? Das braucht wieder eine neue Sprache, die sich bald entwickeln muss.


Ich meine, dass die Orthodoxie und der Protestantismus theologisch näher beieinander sind als es bei erster Sichtung erscheint. Begreift man die Unterschiede als verschiedene Sprachen, so muss nur genau übersetzt werden und man sieht, dass viele Positionen ganz ähnlich sind. Nicht zufällig, dass die fast einzige moderne umfassende deutsche orthodoxe Dogmatik (Dumitru Staniloae, Orthodoxe Dogmatik, 3 Bände) mit einem Vorwort von bekannten evangelischen Theologen Moltmann erschienen ist in einem protestantischen Verlag und die Übersetzung wesentlich von der EKD finanziert wurde.


Grüsse Columba
Johannes 8,8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
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Re: Orthodoxie

Beitragvon rudolf » Fr 18. Jul 2014, 14:24

Jeshu hat geschrieben:Freut mich, dass Du wieder da bist - Benji... oder? :)
Schade, dass ich Dir hier keine fundamentale Auskunft zum Thema geben kann, deswegen bleibt's beim "welcome back"!


100 Punkte :clap: War das so einfach? :D Danke jedenfalls!

Columba, danke für diesen Beitrag.
Das habe ich mir nie überlegt, aber es scheint tatsächlich viel wahres dran zu sein. Geografisch macht es auf jeden Fall Sinn, dass der Osten ein Christentum in der Sprache der Antike lebt.
Dass es einige Parallelen gibt zwischen Protestantismus und der Orthodoxie, würde ich unterschreiben, und es scheint mir auch nicht ganz zufällig: Im antiken Griechenland waren das Suchen nach Erkenntnis, Diskussion und Humanismus wohl wesentlich präsenter als im Mittelalter. So scheint es mir jedenfalls beim Lesen alter Philosophen, die damalige Atmosphäre war wohl nicht so weit weg von der heutigen. Dass sich das dann auch in der Institution einer Kirche abbildet, scheint ziemlich plausibel.
Aber ob sich das ineinander übersetzen lässt? Da bin ich ein bisschen skeptischer.
Bei allen Konfessionen stehen sicher die Überlieferungen Jesu als Basis. Bei den Protestanten vor allem in Buchform, bei der alten, gemeinsamen orthodox-katholischen Kirche zuerst noch in mündlicher Form.
Aber was daraus gewachsen ist, ist für mein Verständnis zu verschieden und zu orts- und zeitgebunden, um übersetzbar zu sein. Ausser man versucht, irgendwie alles durch den Zeitgeist entstandene wieder zu subtrahieren und endet dann am Ende wieder bei der gemeinsamen Basis, den Überlieferungen von Jesus Christus.
Es sind sicher alle Konfessionen Antworten auf die selben Grundfragen des christlichen Glaubens, beantwortet durch die Menschen der entsprechenden Zeit und Ortschaft. Aber sind es dieselben Antworten in anderer Sprache? Ich glaube eher nicht - lasse mich aber gerne überzeugen.
Oder ich kann dir vielleicht nicht ganz folgen, dass ist auch möglich. ;) Inwiefern würdest du diese Sprachen als ineinander übersetzbar betrachten?
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Re: Orthodoxie

Beitragvon Reginald 32 » Fr 18. Jul 2014, 20:51

Hallo Rudolf.

Ich war einmal in einem russisch-orthodoxen Gottesdienst und mehrmals bei meinen Urlaube in Griechnland in griechisch-Orthodoxen Gottesdiensten, und ich habe auch viel gefragt.

In Griechenland sind die Kirchenwände und die Wand am Altar ja über und über voller Ikonen. Die werden aber weder dort angebetet noch verehrt, sondern der Gottesdienst findet in Gemeinschaft mit den dargestellten Heiligen statt. Dass er sehr anstrengend ist, habe ich auch bemerkt. Wer ihn ganz erleben möchte, muss 3 Stunden stehen können. Deswegen gingen viele Griechen nach einiger Zeit wieder fort. Aber in einigen Kirchen hat man jetzt auch in der Mitte Stühle auf gestellt. Die Priester haben nur 1/2 Jahr Ausbildung, dann gehen sie in die Gemeinden. Sie werden vom Staat bezahlt. Ihre Bibelkenntnisse sind nur dürftig. Der Gd. besteht ja auch aus liturgischen Texten und vielen Zeremonien.

Diese unheilige Allianz von Staat und Kirche ist das, was mich am meisten stört. Sie führt dazu, dass sich beide gegenseitig helfen, wenn der andere Teil Probleme hat. Das ist total unbiblisch und führt immer wieder zu Verfolgungen anderer Konfessionen.. Und durch das hohe Alter der Orthodoxie ist es ja auch gegeben, dass sich ganz viel heidnischer Aberglauben in die Kirche ein geschlichen hat und sich dort breit macht. Von echtem Christentum ist dort nichts mehr zu spüren. Das war jedenfalls mein Eindruck. Die Kirche ist ein Dienstleister, der sich jeden Handschlag bezahlen lässt.

In Korfu hatte ich ein lusriges Erlebnis: Dort gibt es eine Museumskirche in Privat Besitz, in der keine Gd. mehr abgehalten werden. Sie ist übrigens sehr interessant. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall, wenn man einen schriftlichen Führer dabei hat. Dort setzte ich mich ganz vorne auf den zweiten Platz an der Wend. Sofort kam die Wörterin herbei gesprungen und erklärte mir Wort reich, dass dies der heilige Platz des Priesters sei, auf dem nur ein Priester sitzen dürfe. Da sie bei meinem Eintritt die Bibel las, habe ich ihr erklärt, dass ich ein Priester sei. Großes Erstaunen ihrerseits. Ich habe sie dann in ihrer Bibel den Petrustext nach lesen lassen, und sie nickte dazu. Dann meinte sie aber, dass der orthodoxe Priester kein biblischer Priester sei und bat mich höflich, doch lieber auf zu stehen, damit es keinen Ärger gebe. Aber Recht hätte ich schon. Und sie war danach sehr nachdenkloch.

Liebe Grüße von Reginald.
Bald schon kann es sein, dass wir Gott als König sehn. Halleluja, Halleluja.
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Re: Orthodoxie

Beitragvon rudolf » Mo 21. Jul 2014, 22:17

Danke für deinen Beitrag, Reginald.

Reginald 32 hat geschrieben:Diese unheilige Allianz von Staat und Kirche ist das, was mich am meisten stört. Sie führt dazu, dass sich beide gegenseitig helfen, wenn der andere Teil Probleme hat. Das ist total unbiblisch und führt immer wieder zu Verfolgungen anderer Konfessionen.. Und durch das hohe Alter der Orthodoxie ist es ja auch gegeben, dass sich ganz viel heidnischer Aberglauben in die Kirche ein geschlichen hat und sich dort breit macht. Von echtem Christentum ist dort nichts mehr zu spüren. Das war jedenfalls mein Eindruck. Die Kirche ist ein Dienstleister, der sich jeden Handschlag bezahlen lässt.


Ich kann deine Bedenke nachvollziehen. Von den Beziehungen zwischen Staat und orthodoxer Kirche weiss ich so gut wie nichts aus erster Hand. Ich habe auch schon gehört, dass Putin mehr auf die Unterstützung der Kirche angewiesen sei als umgekehrt - in der Tat ein sehr schlechtes Zeichen.
Etwas Widerspruch hat sich bei mir in deinem 2. Abschnitt geregt. Alter alleine ist sicher kein Garant dafür, dass eine Kirche auf Abwege kommen muss. Ein Mensch wird auch älter, begegnet immer mehr heidschnischen Ideen und allem - kann aber dennoch stärker im Glauben werden und am Ende seines Lebens viel näher bei Christus sein als er es in jungen Jahren war.
Und selbst wenn du heidnische Einflüsse siehst, finde ich es etwas hart, ihnen komplett das "echte Christentum" abzusprechen. Das führt meiner Meinung nach etwas krass in eine Richtung, dass man von einem sehr genau gefassten Christentum spricht, und folglich auch nur ein Bruchteil aller bekennenden Christen auch tatsächlich Christen sind. Nach meiner Erfahrung ist gerade in der Orthodoxie die Verbundenheit mit der Institution sehr wichtig für den Gläubigen. Nicht umsonst auch die Hochhaltung der Kirchenvätern und Heiligen der ganzen letzten zwei Jahrtausenden. Ich glaube, der Institution abzusprechen, dass es echt christlich sein, führt auch dazu, dass man den orthodoxen Christen abspricht, echte Gläubige zu sein. Ihr Verständnis der Kirche ist ein ganz anderes als bei dir (ich würde fast wetten, dass du aus einer protestantischen Richtung kommst?), ich würde mich da vorsichtiger ausdrücken... Obwohl ich gerade der Verehrung der Ikonen und damit einem grossen Teil der Kirche auch skeptisch gegenüberstehe.

Was mich noch interessiert, woher hast du das mit dem 1/2 Jahr Priesterausbildung? Ich kenne nur jemanden aus der griechisch-orthodoxen Kirche, mit dem ich darüber gesprochen habe. Der hat allerdings 8 Jahre studiert wenn ich mich recht erinnere - also noch viel mehr als ein Priester bei uns. Dem würde ich gerne noch nachgehen, hast du vielleicht einen Link?
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Re: Orthodoxie

Beitragvon Mariette M. » Di 22. Jul 2014, 14:44

rudolf hat geschrieben: Aber soweit ich mich erinnern kann, gibts hier mindestens eine Person, die wohl noch wesentlich besser Auskunft geben kann, weil sie selbst orthodox ist. :)

Hallo rudolf-benji!

:comeon: hier bin ich, stets zu Diensten....
muss nur erst noch eine Weiterbildung halten gehen... aber heute abend schreibe ich gerne eine Antwort für Dich.

bis dann
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Re: Orthodoxie

Beitragvon Mariette M. » Di 22. Jul 2014, 20:13

Hallo nochmals, Rudolf,
rudolf hat geschrieben: Das finde ich ein bisschen schwieriger: Aus protestantischer Sicht ist es äusserst fragwürdig, so mit heiligen umzugehen, da doch Jesus alleine im Zentrum stehen sollte.

Die Heiligen werden nicht um ihrer selbst willen geehrt, sondern es wird der Dreieine Gott geehrt, der sie zu dem hat werden lassen, was sie wurden.
Wir preisen Gottes Wirken an den Heiligen.

rudolf hat geschrieben:Ein Gottesdienst dauert locker mal zwei oder drei Stunden, dann wird stehen (zumindest für mich, der sich das nicht gewohnt) schon anstrengend.

Meine liebste Erklärung für das Stehen: Wenn der König anwesend ist, können die Diener nicht herumsitzen.
So ist denn auch das Stehen an gewissen Stellen in der Liturgie absolut verpflichtend, ausser man hat ein Fussleiden... es sind dies: Das Trishagion, die Lesung des Evangeliums, das Hochgebet, das Heraustragen der Heiligen Gaben. An allen anderen Stellen darf auch gesessen werden. Wenn Gäste oder Neulinge sitzen, ist das sowieso kein Problem. Man sagt, die Füsse sind das letzte, das bei einem Neugetauften orthodox wird. Ich musste immer im Zug auf dem Heimweg die Beine hochlagern :umarm:
In der Vesper werden die Kathismen gelesen (Teile aus dem Psalter) Hier sagt schon der Name, dass man dazu sitzt.... selbst im Kloster ;)


rudolf hat geschrieben:was dazu führt, dass es heute zig verschiedene orthodoxe Gemeinden in Auswanderungsregionen gibt, oftmals in einer Stadt z. Bsp. eine russisch-orthodoxe Gemeinde, eine serbisch-orthodoxe, eine griechische...

Das ist richtig... ergab sich historisch aus der Diasporasituation. Stichwort: Der "Sack Heimaterde" im fremden Land.
Es ist eigentlich unkanonisch, und wir hoffen, dass dieser Zustand im kommenden panorthodoxen Konzil gelöst werden kann. Eigentlich sollte gelten: eine Stadt, ein Bischof. Fremdsprachige Gottesdienste sind allerdings schon ok, wenns daneben auch landesprachliche gibt.

rudolf hat geschrieben:meine Gemeinde sollte schon deutschsprachig sein - aber vielleicht kommt das ja in den folgenden Jahrzehnten.

Wo bist Du zuhause? Es gibt einige Gemeinden in der Schweiz, die deutsche Liturgien feiern. Ich lade Dich gerne ein zu "uns" oder vermittle Dir etwas in deiner Nähe....
In Zürich trifft sich eine Gruppe von deutschsprachigen Orthodoxen, die unter anderem auch das Ziel der Gründung einer deutschen Gemeinde hat...

lg Maria
Die Orthodoxe Kirche: Evangelisch, aber nicht protestantisch; orthodox, aber nicht jüdisch; katholisch, aber nicht römisch. Die ungeteilte Kirche. Sie hat den Glauben der Apostel geglaubt, gelehrt, bewahrt, verteidigt und ist dafür gestorben... seit dem Pfingsttag vor 2000 Jahren
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Re: Orthodoxie

Beitragvon rudolf » Mi 23. Jul 2014, 16:27

Hallo und danke für eine Antwort von einem Experten. :D

Mariette M. hat geschrieben:So ist denn auch das Stehen an gewissen Stellen in der Liturgie absolut verpflichtend, ausser man hat ein Fussleiden... es sind dies: Das Trishagion, die Lesung des Evangeliums, das Hochgebet, das Heraustragen der Heiligen Gaben. An allen anderen Stellen darf auch gesessen werden. Wenn Gäste oder Neulinge sitzen, ist das sowieso kein Problem. Man sagt, die Füsse sind das letzte, das bei einem Neugetauften orthodox wird. Ich musste immer im Zug auf dem Heimweg die Beine hochlagern :umarm:


Das habe ich in der serbischen Gemeinde nicht so erlebt. Es hatte gar keine Sitzgelegenheiten ausser den wenigen am Rand entlang... Und die Kirche war so voll, da hätte nur ein sehr kleiner Teil überhaupt einen Sitzplatz bekommen können. Aber ich lehne das auch nicht ab, dass man stehen soll - ist nur auffallend anstrengend für einen Neuling. :)

Mariette M. hat geschrieben:Wo bist Du zuhause? Es gibt einige Gemeinden in der Schweiz, die deutsche Liturgien feiern. Ich lade Dich gerne ein zu "uns" oder vermittle Dir etwas in deiner Nähe....
In Zürich trifft sich eine Gruppe von deutschsprachigen Orthodoxen, die unter anderem auch das Ziel der Gründung einer deutschen Gemeinde hat...

lg Maria


Von deutschen Liturgien habe ich bisher noch nichts gehört. Wo gibts denn die überall so? Momentan wohne ich in der Nähe von Aarau.
Aber ich muss auch soweit ehrlich sein, dass ich wohl nicht jeden Sonntagmorgen nach Zürich, Bern oder Basel fahren würde - das ist mir zu weit weg und neben der Sprache auch das zweite, was mich von einer orthodoxen Gemeinde trennen würde. ;)

Aber falls du mal ein bisschen auflisten könntest, wo es deutschsprachige orthodoxe Gottesdienste gibt, wäre das sicher für mich wie auch für andere Interessierte an der Orthodoxie ganz hilfreich. :)
Und weisst du vielleicht etwas über die Priesterausbildung bei euch? Stimmt das mit dem 1/2 Jahr von Reginald - ich kann mir das irgendwie nicht vorstellen...?
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Re: Orthodoxie

Beitragvon Mariette M. » Mi 23. Jul 2014, 19:35

rudolf hat geschrieben:Hallo und danke für eine Antwort von einem Experten. :D

Experte... naja... ich lebe mich ein :)
rudolf hat geschrieben:Das habe ich in der serbischen Gemeinde nicht so erlebt. Es hatte gar keine Sitzgelegenheiten ausser den wenigen am Rand entlang... Und die Kirche war so voll, da hätte nur ein sehr kleiner Teil überhaupt einen Sitzplatz bekommen können.

Das ist bei uns auch nicht anders. Man kann sich jedoch beim Sitzen abwechseln... oder man macht mal ein paar Schritte (Kerze anzünden, Ikone begrüssen...) das gibt auch ein wenig Entlastung. Man darf sich auch durchaus auf den Boden setzen... passende Kleidung vorausgesetzt.

rudolf hat geschrieben:Aber ich muss auch soweit ehrlich sein, dass ich wohl nicht jeden Sonntagmorgen nach Zürich, Bern oder Basel fahren würde - das ist mir zu weit weg und neben der Sprache auch das zweite, was mich von einer orthodoxen Gemeinde trennen würde. ;)

Ja, das ist allerdings auch nicht nötig. Wir kennen keine "Sonntagspflicht" :baby:
Ich habe übrigens mit 20 Kilometern einen vergleichsweise kurzen Weg zur Kirche... in meiner Gemeinde.
Da gibts nur eines, Rudolf: Eine eigene Gemeinde in Aarau gründen. Am Anfang halt "nur" Lesergottesdienste halten und die Sache wachsen lassen... :comeon:

rudolf hat geschrieben:Aber falls du mal ein bisschen auflisten könntest, wo es deutschsprachige orthodoxe Gottesdienste gibt, wäre das sicher für mich wie auch für andere Interessierte an der Orthodoxie ganz hilfreich. :)

Ok, wie es scheint hab ich den Mund ein wenig zu weit aufgerissen, :oops:
Auf der Seite http://orthodoxie.ch findest Du eine Zusammenstellung vieler orthodoxer Gemeinden mit Angabe der Gottesdienstsprache. Wenn da steht "rumänisch und deutsch" wird es vermutlich ein Mix beider Sprachen sein. Ob eine Gemeinde auch Gottesdienste nur auf deutsch feiert, müsstest Du vor Ort erfragen.

Sicher bin ich bei der Auferstehungsgemeinde der russisch-orthodoxen Kirche in Zürich. Dort feiern wir jeden ersten Samstag im Monat die Göttliche Liturgie auf Deutsch. (Ausnahme im August: am 9. August)
Falls Du da hinkommen möchtest, können wir uns gern verabreden...
rudolf hat geschrieben:Und weisst du vielleicht etwas über die Priesterausbildung bei euch? Stimmt das mit dem 1/2 Jahr von Reginald - ich kann mir das irgendwie nicht vorstellen...?

Reginald sprach von Griechenland, glaube ich?
In Zeiten des Priestermangels kann ich mir das schon vorstellen, dass sowas vorkommt. Es handelt sich dann aber meist um "gestandene Männer", die den Glauben leben und die noch in die speziellen, priesterlichen Aufgaben eingeführt werden müssen.
Ich kenne einen solchen Priester: Die Kürze der Einführung tut seiner Heiligkeit keinen Abbruch...
Normal ist allerdings - zumindest bei Russens - dass Priesteranwärter ein Theologiestudium und eine Seminarausbildung durchlaufen, also mehrere Jahre. Es ist auch erwünscht, dass Priester bei ihrer Weihe - nach dem Vorbild Jesu - nicht jünger sind als 30 Jahre. Und, wenn sie verheiratet sein möchten, sollten sie ihre Frau schon vor der Diakonatsweihe geheiratet haben ;) Danach ist nämlich eine Heirat nicht mehr möglich.

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Re: Orthodoxie

Beitragvon Columba » Sa 17. Nov 2018, 16:29

Schade, schade.

So schaufeln sich christliche Gemeinden und Kirchen selber das Grab. Dass die die Anerkennung der ukrainischen orthodoxen Kirche für die russische orthodoxe Kirche ein Problem ist, kann man begreifen. Aber dass dann eine russisch orthodoxe Kriche in der Schweiz (in Zürich) mitmacht und auch der gemeinsamen Empfang der Kommunion mit den Griechisch-Orthodoxen aufkündet, ist beschämend.

Quelle: Zeitschrift "reformiert." Nr. 21, November 2018, Ausgabe Zürich, S.3


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Re: Orthodoxie

Beitragvon Thelonious » Sa 17. Nov 2018, 17:24

Oje, das sind demnach reine "Machtspielchen"!
Wir sehen nirgends so tief ins Herz Gottes wie auf Golgatha.
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Re: Orthodoxie

Beitragvon Columba » Sa 17. Nov 2018, 18:52

Das bringt es auf den Punkt.
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