Der Kanon nach Marcion

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Der Kanon nach Marcion

Beitragvon Suminoto » Di 22. Dez 2009, 07:45

Werte Freunde der Wahrheit

Wenn das Zustandekommen der Bibel beleuchtet werden soll, kommt man nicht umhin sich mit einem Mann zu beschäftigen, der einst großes Aufsehen erregte, jedoch bedauerlicherweise im Laufe der Jahrhunderte wieder in Vergessenheit geraten ist.

Die Gestalt des Marcion taucht immer wieder in der Geschichte auf, und hinterlässt eine Spur von ungewohnter Faszination. Er wurde als Erzketzer von kirchlichen Würdenträgern mit unverhohlenem Hass verfolgt. Man schleuderte ihm Worte entgegen, wie "Erstgeborener des Satans" , "Mund der Gottlosigkeit" , "des Teufels Sprachrohr" , und so weiter. Kein Wort der Verabscheuung war den Kirchenvätern zu scharf für Marcion.

Aus dieser leidenschaftlichen Bekämpfung geht die ungewöhnliche Bedeutung dieses Mannes hervor. Kleineren Geistern wird in der Regel keine so heftige Befehdung zuteil.

Marcion steht im Halbdunkel der christlichen Frühgeschichte, aus der er wie ein ferngelegenes Gebirgsmassiv herausragt. Das Wetterleuchten, welches seine abgrundtiefe Gedankenwelt darstellt, ist für die Neuzeit wieder in deutlich wahrnehmbarer Weise in Erscheinung getreten.

Marcion hatte zu seiner Zeit die Kirchenchristen an Frömmigkeit weit übertroffen. Von seinem Leben sind fast alle Details unbekannt, und es ist auch nicht möglich seinen Werdegang zu analysieren. Er stammte aus einer Hafenstadt am Schwarzen Meer, und alles was man von ihm weiß, stammt aus der Feder seiner Todfeinde. Fest steht aber, daß Marcion für die Christenlehre ein feines Gehöhr besaß, und eine davon tief ergriffene Gestalt war.

Marcion war bis in den innersten Kern der Christenlehre vorgedrungen. Er war erlebnismäßig überwältigt und über das Göttliche in verstummendes Staunen verfallen. Er gehörte nicht zu denjenigen Leuten, die sich nur redegewandt auszudrücken vermochten, und die Christenlehre lediglich mit gierigen Griff ihrem Intellekt untertan gemacht hatten. Marcion war einige Jahre in der Christengemeinde zu Rom aktiv, bis man ihn dort empört davonjagte.

Marcion war der Erste, der sich erkühnte "heilige Schriften" zu beschneiden. Er unternahm eine kritische Säuberungsarbeit, die bis tief in die Denkweise der damals lebenden Menschen einwirkte. Er war ein Wiederhersteller des ursprünglichen evangelischen Gedankens. Ihm waren jene Urschriften der Evangelien bekannt, die uns heutzutage bedauerlicherweise nicht mehr vorliegen.

Marcion begann eine kühne Tätigkeit, zu deren Ausführung es damals außergewöhnlichen Mutes bedurfte. In dem Schriftgut des Matthäus kritisierte Marcion die vielen Rückweisungen auf das Alte Testament. Das Schriftgut des Markus bezeichnete er wegen der wenigen Wortüberlieferungen Jesu als aussageschwach, und in dem Schriftgut des Johannes kritisierte er jeden Gedanken, der behauptet, daß das Heil der Welt durch die Juden zustandekommen würde.

In dem Schriftgut des Lukas, der ein Akademiker war, entdeckte Marcion am wenigsten Verfälschungsspuren. Er machte sich daher die Mühe, alle Fälschungen zu streichen, und den ursprünglichen Evangeliumsgedanken wiederherzustellen. Ebenso verfuhr er bei den Briefen des Paulus. Die Zensur des Marcion bestand hauptsächlich aus Streichungen, zum Teil bis auf die Hälfte.

Weniger radikal waren seine Zusätze und Korrekturen. An den als zutreffend beurteilten Texten ersetzte Marcion undeutliche Wörter mit deutlichen Wörtern. Marcion hatte große Entrüstung hervorgerufen, und wird selbst heutzutage noch zu Unrecht der Unehrlichkeit bezichtigt, denn auch die modernen Übersetzer leisten sich Korrekturen und eigenwillige Formulierungen ebenso, wie grammatikalische Veränderungen.

Die Krone setzte Marcion seinen Bemühungen dadurch auf, daß er die von ihm bereinigten Schriften zu einem Kanon zusammenfasste, der aus dem revidierten Lukas-Evangelium und aus zehn bereinigten Paulusbriefen bestand. Durch diese Zusammenfassung wurde Marcion zum Erfinder des Neuen Testaments.

Wohlgemerkt, ein Ketzer war es, der einzelne Schriftrollen zu einem Buch zusammenfasste und auf diese Weise das Neue Testament geschaffen hatte, welches unzähligen Menschen in allen möglichen Lebenssituationen Trost spenden konnte, und immer noch spendet.

Traditionelle Schriften durch eine neue Schrift nicht nur zu ergänzen, sondern zu ersetzen, war eine Großtat, das heißt, ein unerhört kühnes Unternehmen, welches nur in einem Ketzergehirn entstehen konnte. Kurzum, Marcion war der eigentliche Erfinder dessen, was man heute die Bibel nennt. Er war der Erste, der aus einer Sammlung christlicher Schriftrollen eine Auswahl traf, und diese dann zu einem einzigen Buch zusammengestellt hatte.

Erst nachdem der katholische Klerus bemerkte, welchen Erfolg Marcion damit hatte, und wie sogar viele kirchliche Würdenträger zu Marcion überliefen, und dadurch die Existenz der Frühkirche bedroht wurde, ist diese tätig geworden, und hat die Bibel Marcions erweitert, und nach und nach so gestaltet, wie wir sie heutzutage kennen.

Obschon das genaue Werden der Bibel von einem undurchdringlichen Dunkel umgeben ist, welches bis heute noch nicht so recht erhellt werden konnte, wird man die ursprüngliche Idee dazu Marcion zubilligen müssen, der sich gerade dadurch als ein bedeutsamer Denker empfohlen hatte.

Behauptungen, welche besagen Marcion hätte das Neue Testament nicht geschaffen, sondern lediglich bestätigt, haben nichts für sich, weil ein später von der Kirche zusammengestellter Kanon es nicht nötig haben kann, ausgerechnet durch einen zuvor aus ihren eigenen Reihen als Ketzer Verstoßenen, bestätigt zu werden.

Wenn von Überlieferung die Rede ist, so gilt es zu wissen, daß viele biblische Aussagen über Gott unzutreffend sind, und deshalb so nicht stehen bleiben können. Alle religiösen Organisationen werden früher oder später lernen müssen, total umzudenken. Dies werden sie müssen, denn sie werden es sich eines Tages nicht mehr länger leisten können zu sagen: "Gott straft".

Selbst wenn dies tausendmal in der Bibel geschrieben steht, so ist es dennoch völlig unzutreffend. Der Allerhöchste hat noch nie gestraft und wird es auch niemals tun, weil er gütig zu den Undankbaren und zu den Bösen ist. (Lukas 6:35) Jahrtausendelang wurde der Allerhöchste irrtümlicherweise in ein falsches Licht gestellt, indem man von ihm sagte, er wäre ein Richter, der die Guten belohnen und die Bösen bestrafen würde.

Man darf den Schreibern zugute halten, daß sie es nicht besser wussten. Marcions Kritik gipfelt in dem Nachweis, daß der alttestamentarische Gott ein Erreger von Kriegen ist. Er hat den Gesetzgeber des mosaischen Gesetzes als unbarmherzig und kleinlich bezeichnet, als aggressiv in seinen Worten und als boshaft in seinen Taten, das heißt, als einen Gegner und Bekämpfer von Menschen.

Der Grundgedanke Marcions beinhaltet die Gegenüberstellung von zwei Göttern, nämlich einerseits eines strafenden Gottes, dem Satan, und andererseits eines vornehmen Gottes, dem er den Namen "Der Fremde" gab. Marcion machte einen Unterschied zwischen strafender Gerechtigkeit und Evangelium. Mit der Herausstellung dieser Gegensächlichkeit wurde damals schon eine Frage aufgeworfen, die bis in unsere Tage hinein immer noch nicht zuende diskutiert ist.

Es handelt sich hier um zwei sich gegenüberstehende Wirklichkeiten. Es handelt sich jedoch um eine viel feiner beschaffene Gegenüberstellung, als die Gegenüberstellung von Gut und Böse. Es handelt sich nämlich um die Unverträglichkeit von erbarmender Liebe mit strafender Gerechtigkeit.

Der eigentliche Feind des Friedens ist der strafende Gerechtigkeit fordernde Mensch, und nicht der entgleiste Mensch. Marcion betonte, daß gerade das Übersehen dieser Tatsache nur in einer gekonnten hypnotischen Verschwörung gegen die göttliche Liebe seine Ursache haben kann.

Marcion fühlte sich gedrängt Schrift gegen Schrift und Dokument gegen Dokument zu stellen. Ob es angenehm ist oder nicht, es bleibt bei der bedeutsamen Feststellung: Das Erscheinen des Neuen Testamentes ist auf die unermüdliche Tätigkeit eines Ausgestoßenen zurückzuführen. Ein Ketzer wäre kein Ketzer, wenn er nichts zu sagen hätte, ebenso wie ein Prophet ohne Botschaft kein Prophet ist.

Alle noch erhaltenen historischen Aussagen über Marcion stammen aus polemischer Quelle, und seine Todfeinde waren geschickt genug, um ihm das Wort im Munde umzudrehen. Da uns heutzutage keine von Marcion selbst verfasste Stellungnahme zu den Angriffen auf seine Person vorliegt, kann nur aus den gegen ihn und über ihn veröffentlichten Darlegungen erahnt werden, was Marcion wirklich dachte.

Nachdem Marcion seinerzeit in Rom von der Kirche exkommuniziert wurde, schuf er einfach eine Gegenströmung, die frei von mosaischen Gedanken war. Er schuf das Neue Testament und überarbeitete alte Schriften. Die Hauptaussage Marcions war und ist, daß der Gott des Alten Testamentes ein anderer Gott ist, als der Gott des Neuen Testamentes, den Jesus "Vater" nannte.

Der von Marcion angestoßene Stein kam ins Rollen, und bedrohte den Bestand der frühkatholischen Kirche. Es zeugt für das feine Empfinden Marcions, die Spannung zwischen Liebe und strafender Gerechtigkeit gespürt zu haben. Mit seiner kritischen Haltung gegenüber "heiligen Schriften" hatte Marcion bereits damals schon die gesamte Brisanz vorweggenommen, von welcher unser heutiges Denken mehr denn je betroffen ist.

Die Aussagen von Ketzern greifen immer wieder in Abläufe ein, unterbrechen, biegen ab, und vermögen alles wie ein Erdbeben aus den Fugen zu heben, und dermaßen zu erschüttern, daß ein Richtungswechsel nicht mehr umgangen werden kann.

Der Niedergang der Menschheit begann, als der Gedanke aufkam, Schuldige bestrafen zu wollen, und der Wiederaufschwung beginnt, sobald dieser Gedanke für immer fallen gelassen wird.

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Re: WIe und warum es zur Bibel kam

Beitragvon Taube » Di 22. Dez 2009, 08:12

• elektronische Flaschenpost • kopieren erwünscht •...

...heisst es bei Dir.

...die Flaschenpost ist meist ein Einwegkanal, deshalb die Zwischenfrage, bevor ich alles lese: Was genau möchtest Du diskutieren oder für was missionierst Du?

Gruss Taube
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Re: WIe und warum es zur Bibel kam

Beitragvon Pilgrim » Di 22. Dez 2009, 13:47

Taube hat geschrieben:...die Flaschenpost ist meist ein Einwegkanal, deshalb die Zwischenfrage, bevor ich alles lese: Was genau möchtest Du diskutieren oder für was missionierst Du?

Dem Geschriebenen gemäß würde ich sagen hier wird offensichtllich für den Gnostizismus missioniert... :idea:
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Re: Textunterschied von Sinaiticus, Vaticanus, Alexandrinus, Tex

Beitragvon Thelonious » Di 22. Dez 2009, 15:34

Hallo Suminoto!

Ich habe (zumindest vorläufig) hierhin verschoben.

Zuvor würde mich auch interessieren, was Du jetzt eigentlich diskutieren willst?

Bitte berücksichtige: das blosse Einstellen von Texten ohne konkrete Fragestellung ist nicht unser Diskussionstil.

Gruß
Thelo
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Wie und warum kam es überhaupt zur Bibel?

Beitragvon Suminoto » Di 22. Dez 2009, 17:41

Werter Thelo

Meine konkrete Fragestellung ist eine Doppelte, nämlich:

1. Wie es zur Bibel kam
2. Warum es zur Bibel kam

Diese Doppelfrage wurde von mir gestellt. Meine Fragestellung ist aus der Überschrift des verschobenen Beitrages zu ersehen, obwohl das Fragezeichen fehlt, um dessen nachträgliche Hinzufügung ich hiermit ersuche.

Der Deutlichkeit wegen beantrage ich gleichzeitig auch eine Fragesatzumstellung vorzunehmen. Meine fragende Überschrift würde dann lauten: "Wie und warum kam es zur Bibel?"

Ich habe vorgetragen, was mir bezüglich dem Zustandekommen der Bibel bekannt ist, und möchte gerne in Erfahrung bringen, was dem hinzugefügt werden kann, bzw. ob an dem von mir Vorgetragenen etwas unstimmig sei, und gegebenenfalls was und warum.

Die Bibel ist ein Kanon, das heißt eine Zusammenstellung von unterschiedlichen Büchern unterschiedlicher Autoren, und somit ein Sammelband. Die Frage nach dem Auswahlverfahren sowie die Frage nach den Auswahlkriterien und der Auswahlberechtigung wurde von mir angeschnitten.

Zum besseren Verständnis meiner Fragestellung habe ich als Hintergrundinformation ein Portrait jenes Mannes kurz angerissen, der das neue Testament erstmals als solches veröffentlicht hatte.

Ich hätte meine Fragen gerne innerhalb eines bereits bestehenden Themas vorgetragen, konnte jedoch hier im Forum keinen diesbezüglich Anknüpfungspunkt ausfindig machen.

In dem hiesigen Thema geht es um Textunterschiede innerhalb der Bibel. In meinem Thema geht es um das Zustandekommen der Bibel selbst.

Da in hier geführten Diskussionsrunden vom jeweiligen Thema nicht abgewichen werden soll, hielt ich es für statthaft, ein passendes Thema unter der Abteilung "Bibel" zu installieren.

in zeitgenössischer Verbundenheit
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Re: Wie und warum kam es überhaupt zur Bibel?

Beitragvon Pilgrim » Di 22. Dez 2009, 17:58

Suminoto hat geschrieben:Zum besseren Verständnis meiner Fragestellung habe ich als Hintergrundinformation ein Portrait jenes Mannes kurz angerissen, der das neue Testament erstmals als solches veröffentlicht hatte.

Du meinst das "Evangelium von Marcion"... :?
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Wie und warum kam es zur Bibel?

Beitragvon Suminoto » Di 22. Dez 2009, 19:08

Hi Pilgrim

Ein "Evangelium von Marcion" ist mir unbekannt. Marcion war meines Wissens der erste Herausgeber des neuen Testamentes, bestehend aus dem Lukasevangelium und 10 Paulusbriefen.

mit freundlichem Gruß
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Re: Wie und warum kam es zur Bibel?

Beitragvon Pilgrim » Mi 23. Dez 2009, 01:17

Suminoto hat geschrieben:Ein "Evangelium von Marcion" ist mir unbekannt. Marcion war meines Wissens der erste Herausgeber des neuen Testamentes, bestehend aus dem Lukasevangelium und 10 Paulusbriefen.

Der Vorgang der Kanonisierung war schon vor Marcion im Gange. Marcion's Aufzeichnung die er ungefähr 140 AD herausgab und lediglich Lukas und zehn Paulinische Briefe enthielt hat lediglich den Prozess ein bisschen beschleunigt, nicht aber begonnen.

Nebenbei wäre noch zu bemerken, daß die Neuen Testament Bücher für die Gemeinde nicht durch die formelle kanonische Liste authoritativ geworden sind, sondern ganz im Gegenteil, die Gemeinde hat sie in ihrem Kanon eingeschlossen weil sie diese schon vorher als göttlich inspiriert betrachtet und den angeborenen Wert und allgemeine apostolische Authorität direkt oder indirekt erkannt hatte.
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Re: Textunterschied von Sinaiticus, Vaticanus, Alexandrinus, Tex

Beitragvon Taube » Mi 23. Dez 2009, 07:08

...genau! Aber dieses Erkennen der Autorität war ein längerer Prozess mit Diskussionen und Streitigkeiten.

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Wie und warum es zur Bibel kam?

Beitragvon Suminoto » Mi 23. Dez 2009, 08:51

Werte Mitschreibende
Werte Mitlesende

Die Behauptung, daß der Vorgang der Kanonisierung bereits vor Marcion im Gange gewesen sein soll, steht hier undokumentiert im Raum. Mir ist kein kirchengeschichtlicher Hinweis bekannt, aus welchem dies auch nur andeutungsweise entnommen werden könnte.

Am 17.11.2002 wurde hier im Forum folgendes vorgetragen:

Scardanelli hat geschrieben:140 Jahre hat sich Gott damit Zeit gelassen, um den Menschen nach der Kreuzigung die erste Zusammenstellung der Evangelien angedeihen zu lassen.

Der aber, der die erste Zusammenstellung der Evangelien zustandegebracht hat, Marcion, hat gegen die katholische Kirche ein asketisches Christentum vertreten und seine Kirche hatte mehr Einfluss als die katholische.

Diese hat dann die weiteren paulinischen Briefe nach Emendation und Redigierungsarbeiten, dem Kanon beigefügt um mit dem vermeintlichen Paulus, Marcion erfolgreich zu bekämpfen, indem sie mit Paulus, Marcion als Ketzer ausriefen.

Die Wege des Herrn sind unerforschlich. Nur weil einer ein asketisches Christentum ausgerufen hat, haben die sog. Pastoralbriefe des Paulus Eingang in die Hl. Schrift gefunden.

Viele haben sich daran versucht, ein, oder das Evangelium zusammenzustellen. Neben Marcion auch ein Papias von Hierapolis. Aber dessen Zusammenstellung ist in den betreffenden Gemeinden auf keine große Liebe gestoßen und damit im Strudel der Zeit verschwunden.

Dass in den überlieferten Schriften das Wort Gottes enthalten sei, hat am Ende des 2. Jh. der Bischof Thophilus ausgerufen, vorher wusste das noch niemand und nun konnte die Kraft des Wortes durchschlagen.

Ein einheitlicher Schriftenkanon hat aber immer noch nicht vorgelegen und so tappten die Menschen noch im Dunkel. Und wie dunkel es damit ist, kann jeder ermessen, der die Hl. Schrift heute zur Hand hat.


Von Scardanelli existieren hier im Forum zahlreiche lesenswerte Beiträge. Wenngleich nicht alle seine Gedanken meinen Beifall finden, so ist aus seinen Darlegungen dennoch eine Wucht wahrnehmbar, die durchaus in der Lage ist, einen ernsthaft Suchenden näher zum Erlöser zu ziehen. Bei Marcion und vielen anderen als Ketzer verrufenen Denkern ergeht es mir ähnlich.

Ketzer sind keine Querulanten und auch keine Gottlosen. Es gab selbst unter den Kirchenvätern Leute, die sich dieser Tatsache wohl bewusst waren, und dies auch öffentlich zum Ausdruck brachten, wie beispielsweise Augustinus:

Augustinus hat geschrieben:Glaubt nur nicht, daß Ketzereien durch ein paar dahergelaufene kleine Seelen entstehen könnten. Nur großartige Menschen haben Ketzereien hervorgebracht.


Die große Herausforderung für Jeden, der den schmalen Weg finden möchte, besteht darin, aus dem Dargebotenen eine Auswahl zu treffen, und aus dem Ausgewählten dann ein makelloses Mosaik zu erstellen.

Der Mangel an Erkenntnis beschränkt den Verstand. Die Mangelhaftigkeit der menschlichen Erkenntnis hat einen sehr bemerkenswerten Grund. Sie kommt nicht davon her, daß es zu schwierig wäre, sich die nötigen Erkenntnisse zu verschaffen, oder daß man nur spärliche und ungenaue Angaben bekäme.

Ganz im Gegenteil. Schuld daran ist gerade die gewaltige Menge und das Durcheinander von Kenntnissen, welche die Menschheit im Laufe der Jahrtausende zusammengetragen hat.

Kurzum, es gilt zu einer Erkenntnis zu gelangen, die vollständig ist und gleichzeitig einfach und deutlich genug, um dem praktischen Handeln jedes einzelnen Menschen als Grundlage dienen zu können.

Eine solche Zusammenfassung sollte auf einen einzigen Blick verständlich sein, und für jedermann jederzeit kostenlos zugänglich sein. Sie sollte auf Anhieb erfassbar sein, wie ein Porträt, welches durch wenige Striche, aufgrund einer geschickten Auswahl und Zusammenstellung von bedeutungsvollen Einzelheiten entstanden ist.

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Re: Textunterschied von Sinaiticus, Vaticanus, Alexandrinus, Tex

Beitragvon Taube » Mi 23. Dez 2009, 09:53

Schon vor Marcion begann das Sammeln und Zusammenstellen von Schriften:
Erstens musste ja Marcion schon eine Basis haben, damit er die Schriften auch korrigieren konnte, um alle alttestamentlichen Bezüge streichen zu können.
Zweitens kennen schon Ignatius von Antiochien und Polykarp von Smyrna Sammlungen von Paulusbriefen. Diese zwei Kirchenväter waren etwas älter als Marcion.

Die Verbreitung dieser Schriften lassen also darauf schliessen, dass schon vor Marcion Bemühungen da waren für eine Sammlung der neutestamentlichen Schriften.

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Wie und warum es zur Bibel kam?

Beitragvon Suminoto » Mi 23. Dez 2009, 10:40

Hi Taube
... und einen freundlichen Gruß in die Runde

Es versteht sich von selbst, dass einzelne Schriften gesammelt und verbreitet wurden. Jedoch aufgrund von bloßem Vorhandensein, Sammeln und Verbreiten christlicher Schriften ist es nicht statthaft daraus zu schließen, dass schon vor Marcion jemand einen Kanon erstellt, und als Neues Testament herausgegeben hat. Gerade dies wurde den von Dir benannten Leuten der ersten Stunde in keiner Weise auch nur andeutungsweise nachgesagt.

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Re: Textunterschied von Sinaiticus, Vaticanus, Alexandrinus, Tex

Beitragvon Taube » Mi 23. Dez 2009, 12:03

Sammeln, die Sammlung kopieren und weiterreichen, sind die ersten Schritte zur Kanonisierung.
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Re: Textunterschied von Sinaiticus, Vaticanus, Alexandrinus, Tex

Beitragvon Taube » Mi 23. Dez 2009, 12:20

Zudem, wurde erst mit der Zusammenstellung des Marcion den ersten Generationen bewusst, dass da Fälscher am Werk sind. Das hat natürlich die frühe Kirche veranlasst, einen Riegel zu schieben. Von da her ist es unbestritten, dass Marcion der Grund war, dass man die Diskussion nach den wichtigen Schriften vertieft und rascher aufgenommen hat.

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Re: Wie und warum es zur Bibel kam?

Beitragvon Pilgrim » Mi 23. Dez 2009, 13:52

Suminoto hat geschrieben:...aus seinen Darlegungen dennoch eine Wucht wahrnehmbar, die durchaus in der Lage ist, einen ernsthaft Suchenden näher zum Erlöser zu ziehen. Bei Marcion und vielen anderen als Ketzer verrufenen Denkern ergeht es mir ähnlich.

Darlegungen können niemanden zu Gott bringen, jedoch kann ein "Suchender" TROTZ der Darlegungen zum Glauben in Gott Jesus Christus kommen.
Suminoto hat geschrieben:
Augustinus hat geschrieben:Ketzer sind keine Querulanten und auch keine Gottlosen. Es gab selbst unter den Kirchenvätern Leute, die sich dieser Tatsache wohl bewusst waren, und dies auch öffentlich zum Ausdruck brachten, wie beispielsweise Augustinus:

Glaubt nur nicht, daß Ketzereien durch ein paar dahergelaufene kleine Seelen entstehen könnten. Nur großartige Menschen haben Ketzereien hervorgebracht.

Ob Häretiker gottlos sind kann ich nicht beurteilen, jedoch wie Taube ja schon angedeutet hat, um eine Häresie zu haben, muss auch erst ein "Kanon" da sein! Das Wort "Häresie" kommt vom Griechischen hairesis und bedeutet "zu entfernen"...wie eben in Marcion's Fall wichtige Strukturen und Glauben einer akzeptierten Orthodoxie entfernt wurden.
Die große Herausforderung für Jeden, der den schmalen Weg finden möchte, besteht darin, aus dem Dargebotenen eine Auswahl zu treffen, und aus dem Ausgewählten dann ein makelloses Mosaik zu erstellen.

Won welchem "schmalen Weg" sprichst du?
Eine solche Zusammenfassung sollte auf einen einzigen Blick verständlich sein, und für jedermann jederzeit kostenlos zugänglich sein. Sie sollte auf Anhieb erfassbar sein, wie ein Porträt, welches durch wenige Striche, aufgrund einer geschickten Auswahl und Zusammenstellung von bedeutungsvollen Einzelheiten entstanden ist.

Es bestehen viele "Zusammenfassungen" die auf einen einzigen Blick verständlich sind...aber ob sie die Wahrheit sind ist doch die Frage, meinst du nicht auch?
Zuletzt geändert von Pilgrim am Mi 23. Dez 2009, 15:13, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Textunterschied von Sinaiticus, Vaticanus, Alexandrinus, Tex

Beitragvon Reginald 32 » Mi 23. Dez 2009, 14:03

Hallo, liebe Mitleser.

Sunimoto hat hier ein äußerst positives Bild von Marcion gezeichnet. Doch dem war nach dem BBKL in Wirklichkeit nicht so. Sein eigener Vater hat ihn aus der Gemeinde ausgeschlossen, Polycarp nicht aufgenommen, und erst in Rom fand er auf Grund ungeheurer Spenden endlich Unterschlupf. Scheinbar war Rom für Geld immer schon empfänglich.

Die Bibel der damaligen Christenheit, die Septuaginta, lehnte er ab und strich in seinem "Kanon" jegliche Hinweise auf das AT und die Juden.

Den Schöpfergott bezeichnete er abfällig als bloßen Demiurgen und bösen Gott.

Jesus war nicht wirklich Mensch, sondern hatte nur einen Scheinleib.

Er starb auch nicht für Die Schuld seiner gläubigen Geschöpfe am Kreuz.

Er war auch nicht Gott.

Sein "Vater" war ein neuer, bisher unbekannter und guter Gott, aber nicht der Schöpfer der Welt.

Natürlich laufen Menschen gerne einem Lehrer hinterher,der ihnen einen bequemen Weg zum Heil aufzeigt. Deshalb gab es viele Marcioniten im römischen Reich. Und wenn dazu eine entstellte Bibel als Lehrbuch vorgestellt wird, die das alles unterstützt, so ist m.E. der geistliche Betrug vollkommen. Die Ehelosigkeit hat Marcion wohl nicht selbst gefordert, aber unter seinen Anhängern gab es eine Reihe Befürworter.

Da es aber keine erhaltenen Schriften von Marcion gibt, sondern nur solche seiner Gegner, die seine Thesen zurückweisen, ist es schwer, über seine wahren Lehren eine konkrete Aussage zu machen.

Letztlich läuft es darauf hinaus, dass menschliche Propagisten Marcions mehr oder weniger ihre eigenen, leider meist negativen Ansichten, über die Bibel verbreiten und sich dabei auf die vagen Lehren Marcions berufen, die aber niemand ernsthaft untersuchen kann. Natürlich ist es hilfreich, zu diesem Zweck erst mal Marcion auf den Leuchter zu erheben und heraus zu stellen.
Ich werde immer vorsichtig, wenn jeman am AT oder am Gott des AT versucht, herum zu kritteln und ihn schlecht zu machen. Da fängt's an.

Mit den Ableitungen aus diesem Themenkomplex, wie z.B. die Kanonbildung, verhält es sich nicht viel anders. Es sind menschliche Rückschlüsse, die vielleicht logisch oder denkbar erscheinen, aber nicht unbedingt sein müssen.

Liebe Greüße von Reginald.
Bald schon kann es sein, dass wir Gott als König sehn. Halleluja, Halleluja.
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Re: Textunterschied von Sinaiticus, Vaticanus, Alexandrinus, Tex

Beitragvon tiktak » Mi 23. Dez 2009, 14:51

Reginald

Natürlich laufen Menschen gerne einem Lehrer hinterher,der ihnen einen bequemen Weg zum Heil aufzeigt


Und genau den wählt ihr, ist doch bequem wenn einer die Strafe auf sich nimmt und bezahlt und man durch Gnade errettet ist-gäll?

Son Sündenbock(der alles auf sich nimmt) hat was ;)
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Re: Textunterschied von Sinaiticus, Vaticanus, Alexandrinus, Tex

Beitragvon Pilgrim » Mi 23. Dez 2009, 15:27

tiktak hat geschrieben:Son Sündenbock(der alles auf sich nimmt) hat was ;)

Und weil dieser "Sündenbock" einem nicht behagt, man sich einfach ein religiöses Gulasch zusammenstellt und im tiktak mit der dichtbevölkerten Meinung marschiert, daß alle Straßen nach Rom führen...dabei man nicht mal bemerkt, daß da in diesem populären religiösen Pluralismusmarsch ein schrecklich gravierender Defekt eingeräumt ist... :jump:
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Re: Textunterschied von Sinaiticus, Vaticanus, Alexandrinus, Tex

Beitragvon alegna » Mi 23. Dez 2009, 16:13

Pilgrim hat geschrieben:Und weil dieser "Sündenbock" einem nicht behagt, man sich einfach ein religiöses Gulasch zusammenstellt und im tiktak mit der dichtbevölkerten Meinung marschiert, daß alle Straßen nach Rom führen...dabei man nicht mal bemerkt, daß da in diesem populären religiösen Pluralismusmarsch ein schrecklich gravierender Defekt eingeräumt ist... :jump:

Würze vergessen!!
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Re: Textunterschied von Sinaiticus, Vaticanus, Alexandrinus, Tex

Beitragvon Pilgrim » Mi 23. Dez 2009, 17:02

alegna hat geschrieben:Würze vergessen!!

Hoppla...die Würze im Gulasch: "Versuche Jesus, du wirst Ihn mögen"... :idea:

Dem Gulaschkonsumfreudigen ist es egal welche Kost er da herrichtet, solange da irgendwo ein "gott" drin ist und er diesem Gulaschrezept aufrichtig und ergebenst folgt... :cry:
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Re: Textunterschied von Sinaiticus, Vaticanus, Alexandrinus, Tex

Beitragvon Reginald 32 » Mi 23. Dez 2009, 17:15

tiktak schreibt:
Natürlich laufen Menschen gerne einem Lehrer hinterher,der ihnen einen bequemen Weg zum Heil aufzeigt

Und genau den wählt ihr, ist doch bequem wenn einer die Strafe auf sich nimmt und bezahlt und man durch Gnade errettet ist-gäll?

Son Sündenbock(der alles auf sich nimmt) hat was


Liebe tiktak.
Du lehnst diesen Weg ab, das ist ja nun sattsam bekannt. Du gehst diesen Weg nicht und Du weißt gar nicht, wie es ist, wenn man auf diesem Weg geht.
Aber das hindert Dich überhaupt nicht daran, eine große Backe über diesen Weg zu riskieren. Natürlich kommt dabei nur Blödsinn raus. Aber sei's drum. Wir kennen Dich ja.
Reginald.
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Re: Textunterschied von Sinaiticus, Vaticanus, Alexandrinus, Tex

Beitragvon tiktak » Mi 23. Dez 2009, 17:18

Hat jetzt auch Christus aus euch gesprochen?

Ihr seid nicht anders-als die in der Welt, das zeigt schon, was ihr so von euch gebt! ;)
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Wie und warum kam es zur Bibel?

Beitragvon Suminoto » Mi 23. Dez 2009, 18:34

Werte Mitdenkende

Welch ein Anblick muss es gewesen sein, als auf der Synode zu Ephesus die Teilnehmer vom Zorn übermannt nicht mehr diskutierten, sondern aufeinander einschlugen. Nicht zu Unrecht wurde damals von einer Räubersynode gesprochen, die freilich nicht die einzige dieser Art war. Es gab auch noch andere Kirchensynoden, auf denen Bischöfe sich gegenseitig Bücher an den Kopf warfen.

Es ist begreiflich, daß viele Leute sich von derartig hässlichem Gezänk stark abgestoßen fühlen, und in religiösen Lehrsätzen nur noch erstarrte Lava zu sehen vermögen.

Seit es Posaunen gibt, wurden diese gerne als Signalgeber benutzt. An den einzelnen Tonfolgen sollte erkannt werden, was gemeint war, und was getan werden sollte. Kam jedoch aus einer Posaune ein undeutliches Signal, so wusste keiner so recht, was gemeint war, und was getan werden soll. In solchen Fällen konnte auch gerade deswegen niemand zur Tat schreiten.

Nachdem ein Architekt einen Bauplan gezeichnet hat, so kann er diesen Plan geben wem er will. Alle errichten dann das gleiche Gebäude. Ebenso sollte es mit einer "heiligen Schrift" sein, die ja nichts anderes als einen Heilsplan verkünden soll. Jeder der darin liest, sollte mit unfehlbarer Sicherheit den richtigen Weg finden und auch erfolgreich gehen können. Jede "heilige" Schrift, die dies nicht bewirkt, ist eine mißratene Schrift, die ihren Zweck verfehlt hat.

Die Bibel ist teilweise verwirrend und auch zweideutig und keineswegs so klar und eindeutig, wie dies zu wünschen wäre. Sie birgt Undurchsichtiges und Geheimnisvolles in sich. Derartige Aussagen haben den großen Nachteil, daß nicht so recht verstanden werden kann, was getan werden soll. Undeutliche Anweisungen sind praktisch unbrauchbar. Wo der Bereich der Deutlichkeit aufhört, da ist es mit der Brauchbarkeit von Aussagen zu Ende.

Selbst, wenn biblische Schriften nur als individuelle Interpretationen von Autoren angesehen werden sollen, so ändert auch dies nichts an der Nutzlosigkeit der Schriften, wenn sie nicht deutlich genug sind, um dem praktischen Handeln des einzelnen Menschen als Grundlage dienen zu können.

Es ist ja nicht so, daß Sprache etwas Undeutliches wäre, oder daß Sprache eine unvollkommene und mangelhafte Sache wäre. Der gekonnte Umgang mit deutlicher Aussprache und Klartext ist das, worauf es ankommt, wenn man richtig verstanden werden möchte.

Gute Beispiele gibt es reichlich. Man bewundere nur einmal die Werbefachleute. Diese Leute sind oft hervorragende Sprachkünstler, von denen das geschickte Präsentieren von Gedanken gelernt werden kann. Werbung ist eine hohe Kunst, wenn Durchschlagskraft in ihr wohnen soll. Auch der Evangelist betreibt Werbung. Das Wesen der Werbung ist im Grunde genommen missionarischer Art.

Die gleiche Methode, die nutzlose Dinge bekannt und begehrenswert machen kann, ist auch sehr gut geeignet, um Nützliches bekannt und begehrenswert zu machen. Es genügt nicht, großartige Gedanken zu haben, sondern sie sollten auch landefähig präsentiert werden können, das heißt, die Präsentation eines Gedankens sollte mindestens ebenso vorzüglich sein, wie der Gedanke selbst.

Werbefachleute haben die Aufgabe die verschiedenen Gedanken so zu formulieren, daß sie durch den funkelnden Glanz der modernen Glitzerwelt hindurchdringen, und am Gedächtnis der Leute kleben bleiben, solange diese Leute leben.

Was einst die frühchristlichen Lehrkämpfe waren, sind heutzutage die parlamentarischen Kämpfe um den Erlass von Gesetzen aller Art. In beiden Fällen sollen Gültigkeiten geschaffen werden, nach denen das Volk sich richten soll, und von denen abzuweichen unter Androhung von Strafe verboten ist. Auf solche Weise wurde die Menschheit bisher von dämonischen Mächten bevormundet.

Derartige Kämpfe, die weiter nichts sind, als nutzlose Streitereien um Spitzfindigkeiten, werden irrtümlicherweise als so bedeutungsvoll angesehen, als ob es dabei um die tiefsten Fragen des menschlichen Daseins gehen würde. So wurde das Schauspiel von Politikern, die heutzutage in Parlamenten mit Sprachgewalt aufeinander eindreschen, bereits auf den damaligen Kirchensynoden vorweggenommen.

Es gibt in der Geschichte der Menschheit nicht viele Ansichten, um welche mit größerer Heftigkeit gestritten wurde, und immer noch gestritten wird, als um religiöse Grundsätze. Im Vergleich zu diesen, erscheinen die Gesetzesparagraphen der Moderne eher als Eintagsfliegen, die heute da sind, und morgen schon wieder verschwunden sind.

Die Dogmenbildung ist nicht allein durch streitsüchtige Kleriker in Gang gekommen. Auch Marktfrauen und Privatleute haben sich lebhaft an diesen Streitigkeiten beteiligt. Die Teilnahme der breiten Masse an derartigen Auseinandersetzungen dokumentiert das vorhandene Mitsprachebedürfnis wenn es darum geht, sich darauf festzulegen, was richtig sein soll, und was nicht.

Die bedeutungsvollsten Hebammendienste, die bisher halfen die Wahrheit zu entbinden, wurden von Ketzern geleistet. Diese Tatsache rückt die enorme Bedeutung der Gestalt des als "Irrlehrer" beschuldigten Angeklagten in ein völlig neues Licht. Es ist somit empfohlen, das Bild des Irrlehrers auszugraben, welches unter Bergen von Verleumdungen völlig verschüttet wurde, und so bis zur Unkenntlichkeit entstellt im Verborgenen liegt.

Derartige, bisher selten unternommene Ausgrabungsversuche von geistigen Werten, ermöglichen es, vieles wieder an seinen richtigen Platz zu stellen. Angebliche Irrlehrer erweisen sich oft nachträglich als der dynamische Faktor in der Wahrheitsfindung. Gerade deswegen sollte der mit überwältigender Mehrheit Überstimmte, aber trotzdem weiterhin auf seiner Meinung beharrende Widerständler nicht mehr grundsätzlich als verstockter Fanatiker angesehen werden.

Leute, die ein durch ihre Weltanschauung gebotenes Festhalten an der unterlegenen Meinung nicht als Ungehorsam ansehen, stehen zu ihren Auffassungen. Sie lassen sich weder von Mehrheiten beirren, noch lassen sie sich davon abhalten, gegen den Strom zu schwimmen.

Anders gesagt, bei dem sogenannten "Irrlehrer" hat man es oft mit dem Typus des eigenständig denkenden Menschen zu tun. Die verwirrende Fülle von Streitfragen ist jenes Betätigungsfeld, in welchem sich solche Leute wohlfühlen. Die Entwirrung des Wirrwarrs ist jene Arbeit, welche dem Wesen der Ketzertums ihren Sinn verliehen hat.

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Re: Textunterschied von Sinaiticus, Vaticanus, Alexandrinus, Tex

Beitragvon Thelonious » Mi 23. Dez 2009, 18:53

Hallo!

Aufgrund des Diskussionsverlaufes habe ich hierher verschoben und die Grundformulierung dieses aus "Bibel" abgetrennten Threadteils in "marcionitische Evangelium" umbenannt (hinsichtlich der Benennung des thread bin ich allerdings für Vorschläge offen).

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Re: Textunterschied von Sinaiticus, Vaticanus, Alexandrinus, Tex

Beitragvon Pilgrim » Mi 23. Dez 2009, 19:29

Thelonious hat geschrieben:... bin ich allerdings für Vorschläge offen).

Auch einfach "Marcionismus" wäre ein guter Titel, da anscheinend hier für diese Irrlehre missioniert wird...und ein "mus" offensichtlich immer zerlegt werden will bevor man unbewußt darin untergeht... :idea:
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Re: marcionitische Evangelium

Beitragvon Thelonious » Mi 23. Dez 2009, 19:56

Bevor ich es ggf. umbenenne, wollte ich mal hören, was Suminoto dazu sagt (gern auch mittels PN).

Gruß
Thelo
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Re: marcionitische Evangelium

Beitragvon Reginald 32 » Do 24. Dez 2009, 00:02

Sunimoto schreibt:
Nachdem ein Architekt einen Bauplan gezeichnet hat, so kann er diesen Plan geben wem er will. Alle errichten dann das gleiche Gebäude. Ebenso sollte es mit einer "heiligen Schrift" sein, die ja nichts anderes als einen Heilsplan verkünden soll. Jeder der darin liest, sollte mit unfehlbarer Sicherheit den richtigen Weg finden und auch erfolgreich gehen können. Jede "heilige" Schrift, die dies nicht bewirkt, ist eine mißratene Schrift, die ihren Zweck verfehlt hat.

Mein Lieber, Dein Vergleich hinkt etwas. Ich komme nämlich aus dem Baufach. Bei einem Architektenplan stehen meistens nur Zahlen, weil der Architekt hier das metrische System voraussetzt. Aber wenn Du andere Systeme als Grundlage nimmst, kommt etwas Anderes heraus.
So ist es mit der Bibel auch. Wenn alle das gleiche Auslegungsprinzip nähmen, käme auch das Gleiche heraus. Da aber verschiedene Systeme (u.A. auch von Marcion) verwendet werden (wg. vorgefasster Meinungen), kommen auch trotz gleichen Planes unterschiedliche Bauwerke heraus.

Liebe Grüße von Reginald.
Bald schon kann es sein, dass wir Gott als König sehn. Halleluja, Halleluja.
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Re: Textunterschied von Sinaiticus, Vaticanus, Alexandrinus, Tex

Beitragvon Leiurus » Do 24. Dez 2009, 10:24

Reginald 32 hat geschrieben:bla bla bla bla und erst in Rom fand er auf Grund ungeheurer Spenden endlich Unterschlupf. Scheinbar war Rom für Geld immer schon empfänglich
bla bla bla bla

Du bringst mich immer wieder arg ins schmunzeln :lol:
Was oder Wen meinst Du mit ROM?

Hier ein wenig Bildung:
(So ungenaue Kostrukte und äusserungen sollte man nicht stehen lassen) :baby:

http://www.kathpedia.com/index.php/Marcion

http://de.wikipedia.org/wiki/Marcion
JESUS ich vertraue auf DICH!
Maria mit dem Kinde lieb, uns allen deinen Segen gib!
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Re: marcionitische Evangelium

Beitragvon Naqual » Do 24. Dez 2009, 10:52

Thelonious hat geschrieben:Bevor ich es ggf. umbenenne, wollte ich mal hören, was Suminoto dazu sagt (gern auch mittels PN).


Hi Thelo,

der Begriff "marcionitische Evangelien" ist - unabhängig davon, was Sumi meint - irreführend. Es gibt kein Evangelium des Marcion.
Eine etwas technische, aber korrektere Formulierung wäre: "Die Entstehung des biblischen Kanon unter dem Einfluss von Marcion und anderen".

Aus meiner Sicht hatte man anderthalb Jahrhunderte gebraucht um festzustellen, dass es diverse Vorteile hat, eine Sammlung von Schriften aufzustellen, die vom Leben Jesu und seiner Botschaft berichten. Insbesondere, da die nahe Endzeiterwartung vieler in den Urgemeinden sich nicht erfüllt hatte und man nun begann auf längere Zeiträume planen zu müssen.
Gleichzeitig gab es "DAS Christentum" zu der Zeit, als der Kanon langsam entstand, nicht. Es gab unterschiedlichste Gruppierungen, die im Meinungsspektrum noch erheblich vielfältiger waren, als es das heutige Christentum mit seinen über 200 oder 300 Richtungen (Konfessionen) ist. Die Vorläufer der katholischen Kirche, die "Protoorthodoxen" (Begrifflichkeit von Bart D. Ehrman) waren nur EINE unter vielen Gruppierungen, die sich in der Stärke erst im Laufe der weiteren Jahrhunderte herauskristallisierten und teils mit immenser militärischer Gewalt sich behaupteten.
In diesem Wirrwar unterschiedlichster Meinungen (die teils recht vehement um die Vorherrschaft kämpften) ist es aber nicht uninteressant, dass die unterschiedlichsten Gruppen in der Gestaltung des Kanons SO unterschiedlich gar nicht waren. Insbesondere z.B. auf die Schriften des Paulus, der sowohl von proto-orthodoxen Gläubigen, wie auch gnostischen Gruppierungen favorisiert wurde.

Marcion war ein begnadeter Denker, wenn er auch in bestimmten Bereichen m.E. erhebliche Irrtümer hatte. Bei genauerer Betrachtung von anderen "Kirchenvätern", stellt man jedoch fest, dass auch diese alles andere als unfehlbar waren und teils Aussagen machten und vertraten, die heute als "häretisch" eingestuft werden würden. Heute sieht man die Kirchenväter der "Gewinnerseite" im Machtkampf um die Meinungsvorherrschaft im christlichen Bereich durchaus etwas (und manchmal sehr) verklärt.

Sumi spricht hier einen sehr wichtigen Aspekt an, wenn es um die Entstehung der Bibel geht. Es scheint selbst heute noch sehr schwer zu sein, bestimmte Leute nicht nur einfach als "Häretiker" einzustufen, sondern neutral sowohl positives wie fehlerhaftes Wirken zu betrachten. Von beiden, bzw. allen Seiten.
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Warum gibt es Ketzer?

Beitragvon Suminoto » Do 24. Dez 2009, 12:35

Geehrter Thelo

Ich bedanke mich sehr für Deine Bemühung, die hiesige Diskussionsrunde einem passenden Bereich zuordnen zu wollen, und eine gut passende Überschrift finden zu wollen.

In einem so großen und breiten Forum wie diesem, muss ein aktiver Moderator andauernd eine umfangreiche Leistung erbringen, wobei reichlich Zeitaufwand und Fingerspitzengefühl abverlangt wird, um den Überblick ständig behalten zu können.

Dies ist weder selbstverständlich, noch ist es eine Kleinigkeit, wenn man dabei die Lust und Liebe zur Sache nicht verlieren möchte. Deine Fürsorge vermag ich zu schätzen, und gerade deswegen bedanke ich mich auch ausdrücklich sehr für Deinen kompetenten und wohlwollenden Einsatz, zumal dieser womöglich auch noch im Rahmen eines Ehrenamtes erfolgt.

Im Grunde genommen ist es mir nicht allzu wichtig, was Überschriften und Rubriken für Titel tragen, da beim Lesen ohnehin dem Inhalt des Vorgetragenen die Hauptaufmerksamkeit zukommt.

Überschriften sind erste Inhaltshinweise, und wenn der Inhalt dem Hinweis keinen Tribut zollt, so wird dies in der Regel recht schnell bemerkt.

Obwohl Marcion niemals den Gedanken hatte, ein Evangelium schreiben zu wollen, geistert in vielen modernen Nachschlagewerken der Begriff "marcionitisches Evangelium" umher. Marcion gründete lediglich eine Kirche, die ganz gezielt Opposition zur frühkatholischen Kirche betrieb, und sie war damit dermaßen erfolgreich, daß die Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Großkirchen lange Zeit unentschieden stand.

Die Marcionitische Kirche schwoll im Laufe der frühchristlichen Jahrhunderte mächtig an, und entzog der Katholischen Kirche eines Tages sogar ihre Vorrangstellung. Erst durch die Erhebung des Katholizismus zur Staatsreligion wurde diese Auseinandersetzung zugunsten der Katholischen Kirche beendet, die dann in Zusammenarbeit mit Königen und Fürsten gegen die Marcionitische Kirche bis zu deren vollständigen Ausrottung in gnadenloser Weise militärisch vorging.

Diesem bedeutsamen Phänomen ist bisher in der Geschichtsschreibung eine viel zu geringe Aufmerksamkeit gewidmet worden. Allein schon die Tatsache, daß die Marcionitische Kirche für die Existenz der Katholischen Kirche dermaßen bedrohlich wurde, daß die Katholische Kirche ohne die Anwendung brutalster Gewalt sich nicht hätte durchsetzten und behaupten können, offenbart den Gehalt, die Kraft und die Wucht, die der Gedankenwelt Marcions innewohnt.

Ketzerischer Opposition kommt ein Gewicht zu, welches nur Unkenntnis geringschätzen kann. Allein schon die Tatsache, daß trotz aller Gewaltanwendung das Ketzertum zu keiner Zeit kleinzukriegen war, und immer wieder wie ein Phönix aus der Asche aufzusteigen vermag, dokumentiert unmißverständlich, welche Bedeutung dem Ketzertum zukommt.

Selbst aus heutiger Sicht noch werden die Absichten frühketzerischer Strömungen nur selten in richtigem Lichte gesehen. Dies liegt daran, daß nahezu deren gesamtes Schriftgut von der Amtskirche vernichtet wurde, und weil alle noch vorhandenen Überlieferungen über die Helden des frühen Ketzertums, aus der Feder ihrer Todfeinde stammen.

In der Welt der Religionen ist es ähnlich, wie in der Welt politischer Parteien, wo Spaltungen innerhalb der Parteien und Ausschluß aus Parteien, immer wieder neuartige Bewegungen ins Leben rufen. Der Ausgestoßene orientiert sich neu, und geht mit zunehmender Furchtlosigkeit auf sein Ziel zu.

Ketzer wissen, daß es keinerlei Wert hat, zu versuchen, mit einer eigenen Weltanschauung in ein fremdes Kloster einzutreten, oder mit einer eigenen Auffassung in eine politische Partei einzutreten, von der man weiß, daß deren Kurs nicht in jene Richtung geht, die man selbst zu gehen wünscht.

Jeder aufmerksame Beobachter, der genügend Zeit, Wachsamkeit und Muße besitzt, um nicht der Oberflächlichkeit auf den Leim zu gehen, erkennt innerhalb der Welt religiöser Gemeinschaften und innerhalb der Welt politischer Parteien auf Anhieb jene Dinge, die im Argen liegen.

Es gibt kaum eine Schrift, ob antik, oder ob neuzeitlich, die nur Verwerfliches enthält. Überall können Mosaiksteine gesammelt werden. Ein erfahrener Ketzer kann unterscheiden. Er stellt scharfsinnige Diagnosen und bemüht sich redlich. Er kennt die Melodie der Christenlehre gut, und verwechselt sie nicht mit anderen Melodien. Er kennt den Geist und die Stimme der Gewaltlosigkeit, und folgt keiner fremden Stimme.

Da Marcion nicht der einzige großartige Oppositionelle war, und weil gerade aufgrund des Erscheinens Jesu auf Erden, der ja ebenfalls ein Oppositioneller gewesen ist, solche Leute immer wieder in Erscheinung getreten sind, möchte ich, da ich nach meiner Meinung bezüglich einer Umbenennung der hier laufenden Diskussion gefragt wurde, dafür plädieren, diesen Thread mit der Überschrift zu versehen:


Warum gibt es Ketzer?

Damit ist eine Frage gestellt, welcher nicht nur eine ausführliche Beantwortung gebührt, sondern die es darüber hinaus auch noch gestattet, ein Schlaglicht auf die Gedankenwelt all jener anderen Nachfolger Christi zu werfen, die aufgrund Ihrer Gewissenstreue als Ketzer in Verruf geraten sind, und sich jenen Verfolgungen ausgesetzt sahen, die Ihnen von dem Nazarener prophezeit wurden.

Besten Dank auch an alle Mitschreibende für die rege Teilnahme an der hiesigen Diskussion.

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Re: Der Kanon nach Marcion

Beitragvon Thelonious » Do 24. Dez 2009, 12:52

Hallo!

Als Kompromiß des Überschriftenfindungsprozesses ;) habe ich "Der Kanon nach Marcion" gewählt.

Vielen Dank, Suminoto, hinsichtlich Deiner Wertschätzung der (natürlich) ehrenamtlichen Admin/Mod.-Tätigkeiten hier im Forum.

Deine neue Fragestellung
Suminoto hat geschrieben:Warum gibt es Ketzer?


wäre allerdings bitte hier fortzuführen, danke.

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Re: Warum gibt es Ketzer?

Beitragvon Pilgrim » Do 24. Dez 2009, 15:36

Suminoto hat geschrieben:Ein erfahrener Ketzer kann unterscheiden. Er stellt scharfsinnige Diagnosen und bemüht sich redlich. Er kennt die Melodie der Christenlehre gut, und verwechselt sie nicht mit anderen Melodien. Er kennt den Geist und die Stimme der Gewaltlosigkeit, und folgt keiner fremden Stimme.

Nur weil der Kerl tot ist heißt das nicht daß er Kanon ist... :idea:
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Re: Wie und warum es zur Bibel kam?

Beitragvon Gnu » Do 13. Mai 2010, 14:26

Suminoto hat geschrieben:Am 17.11.2002 wurde hier im Forum folgendes vorgetragen:

Scardanelli hat geschrieben:… Marcion …


Von Scardanelli existieren hier im Forum zahlreiche lesenswerte Beiträge.

Als ich „Marcion“ las, musste ich „Scardanelli“ denken.
Je kürzer dein Beitrag, desto eher lese ich ihn.
Links, Rechts, Links – Hinter dem Hauptmann stinkts.
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