Neuapostolische Kirche in der DDR

Sondergruppen, Fanatismus

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Neuapostolische Kirche in der DDR

Beitragvon Kalle » Fr 1. Okt 2010, 14:50

Der Tag der deutschen Einheit (3. Oktober) nähert sich mit großen Schritten.

Passend dazu habe ich einen interessanten Artikel (auf deutsch) auf einer neuapostolischen Internetseite gefunden. Neuapostolische Christen fragen kritisch nach der Vergangenheit und der Verstrickung der NAK in das SED-Regime, insbesondere nach kirchlichen Amtsträgern, die neben Christus, dem Stammapostel auch der Stasi dienten.

http://qv-nak.bplaced.net/Leber1x.pdf

Meine Frage:

Gibt es hier im Forum neuapostolische Christen, die uns über ihre Erfahrungen in der DDR berichten könnten?

Wie sieht es mit anderen freikichlichen Christen aus der DDR aus und wie sind ihre Erfahrungen?

Ich als Wessi habe in einer freikirchlichen Missionsgesellschaft gelebt und habe mit meiner Privatadresse oft Missionsnachrichten (illegalerweise) in die DDR verschickt. Hab mir mal den Spaß gemacht und meine Stasi-Akte bei der Gauckbehörde angesehen - da verging mir das Lachen. Die Genossen in Ostberlin wollten schon sehr genau wissen wer ich bin und wie ich lebe. Und erschütternd, wer von meinen "Geschwister" da die Zuträger für Ostberlin waren...
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Re: Neuapostolische Kirche in der DDR

Beitragvon Richard3 » Fr 1. Okt 2010, 22:17

Ich bin in einer offenen Brüdergemeinde gross geworden.
Nicht Mitglied in der staatlichen Pionierorganisation und Nichtteilnahme an der Jugendweihe bedeutete keine Gymnasiumszulassung und statt dessen eine Berufsausbildung.
Wenn man als Dreher, Schweisser oder Elektriker ordentlich seinem Beruf nachging und nur zur Kirche oder Freikirche ging - auch mehrmals pro Woche - hatte man keine staatlichen Repressalien zu fürchten.
Karriere als Christ wurde meist verhindert, aber auch nicht immer.
Es gab auch Christen, die nicht einfach mit einem SED-Genossen zu ersetzen waren.
Schwer hatten es die Zeugen Jehovas.
Ferngesteuert aus Brooklyn verweigerten sie den Wehrdienst - 2 Jahre Gefängnis.
Gingen aber normal arbeiten.
Das machten sie auch weiter als der Wehrersatzdienst (Dienst ohne Waffe) eingeführt wurde und Christen aller Zugehörigkeiten zu den sogenannten Bausoldaten gingen.
Mich hat damals keiner gefragt, ob ich einer Partei oder der Staatssicherheit beitreten wolle - und deswegen musste ich nicht mal drüber nachdenken.

Wieviel das alles war, habe ich erst in den letzten Monaten vor dem Mauerfall und danach mitbekommen.

Was mich mit am meisten gestört hat, war das Leben mit 2 Wahrheiten.
Eine für den privaten Kreis, denn die meisten sind mit ARD und ZDF aufgewachsen, das nahezu flächendeckend vom Randgebiet oder Westberlin eingestrahlt wurde - und die offizielle in der gleichgeschalteten Staatspresse, die man bei Meiungsumfragen in Firma und Schule besser äussern sollte.

Angst kannte ich nicht in der DDR, ich lernte sie erst kennen als ein Firmensterben nach der D-Mark-Einführung einsetzte, das seinesgleichen auf der Welt sucht.

Ein Glück dass es den starken Arm im Westen gab.
Die Westdeutschen hatten 1945 Glück als die Besatzungszonen gemäss Vertrag von Jalta (Krim) vom Januar 1945 zum Tragen kamen.
Westberlin verliessen die Russen und meine Heimat die Amerikaner.

Und es begann die Flucht der Leistungsträger ....
Die 4 Ringe am Audi gehören:
2 Ringe nach Zwickau (Horch und Audi)
(Audi ist August Horchs 2. Gründung in Sichtweite seines ersten Betriebes, deswegen sein latinisierter Name)
1 Ring nach Chemnitz (DKW)
1 Ring nach Zschopau (Wanderer-Werke) östlich von Chemnitz.

Formal-juristisch gehört die 100-Jahr-Feier von Audi ins ostdeutsche (sächsische) Zwickau, nicht nach Ingolstadt.

Ingolstadt war damals nur eine Zweigniederlassung, aufgeblüht auch durch den Technikerzustrom aus den Original-Firmen in der sowjetischen Besatzungszone.

Glück hatten die Ostdeutschen 45 Jahre später.

Gruss Richard
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Re: Neuapostolische Kirche in der DDR

Beitragvon Reginald 32 » So 3. Okt 2010, 15:17

Hallo Kalle.

Unsere Brüder in der DDR waren nicht so blauäugig wie wir im Westen. Die Leiter sämtlicher Freikirchen waren der Stasi bekannt und mussten regelmäßig dort erscheinen. Das war in der DDR genau so wie im gesamten übrigen Ostblock. Und das gilt auch für die NAK.

Wie weit sich die einzelnen Leiter von der Stasi vereinnahmen ließen, wird wohl nie ganz bekannt werden. Ich weiß nur von guten Freunden, dass die Ergenbnisse von internen Ausschußsitzungen schon am gleichen Abend der Stasi vorlagen. War der Tagungsraum verwanzt? Gab es einen Spion? Keiner weiß es genau. Aber von manchen Brüdern wusste man schon, dass man in ihrer Gegenwart "vorsichtig" sein musste.
.
Das war aber unter den Nazis auch nicht anders. Und heute stand bei idea (oder war es ein anderes Portal?) dass die Hauskreise von evangelikalen Christen in Syrien von anderen Christen beim Staat verpetzt wurden, der sie dann sofort schloss.

Jesus sagt schon voraus, dass die eigenen Hausgenossen die schlimmsten Feinde sein würden.

Liebe Grüße von Reginald.
Bald schon kann es sein, dass wir Gott als König sehn. Halleluja, Halleluja.
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Re: Neuapostolische Kirche in der DDR

Beitragvon Kalle » Mo 4. Okt 2010, 18:02

Danke Richard und Reginald,

ich hatte mir das Leben in der ehemaligen DDR nicht so schwer vorgestellt. Ich selbst habe neuapostolische Freunde, die in der DDR aufgewachsen waren. Man kann alles mit ihnen diskutieren, aber die DDR-Vergangenheit ist ein Tabu.

Das die Zeugen Jehovas besonders zu leiden hatten habe ich schon gehört. Respekt, dass sie sich trotz aller Schikanen nicht zum Wehrdienst einteilen ließen. Kamen sie dafür ins Gefängnis?

LG
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Re: Neuapostolische Kirche in der DDR

Beitragvon Reginald 32 » Mo 4. Okt 2010, 22:35

Hallo Kalle.

Die Sache mit den Verfolgungen der ZJ in der DDR und auch unter den Nazis ist ziemlich verworren. Der Spiegel meldete vor vielen Jahren einmal, dass die Nazis durch einen führenden ZJ in den Besitz sämtlicher wichtigen Adressen der ZJ gelangten. Daraufhin verschonte man diesen Mann mit weiteren Nachstellungen, und nach dem Krieg nahm er wieder eine hohe Stellung bei den ZJ ein. Ich habe mir aber den Namen nicht gemerkt.

Ein altes Mitglied der ZJ in einer Stadt ziemlich im Norden der BRD erzählte mir von ihrer KZ-Zeit unter den Nazis. Und dann erwähnte sie, dass ihr eigener Gemeindeleiter in dieser Stadt ihre Anschrift den Nazis verraten hatte. Auch dieser überlebte ziemlich unbeschadet die Naziherrschaft..

Neu war mir, dass in den KZ der Nazis mehr katholische Priester saßen als ZJ. Doch von diesen wurde ihre Verfolgung immer besonders betont und hoch gespielt.

Auch in der BRD mussten ZJ ins Gefängnis gehen, wenn sie den Wehrersatzdienst verweigerten. Das gab es nicht nur in der DDR. Die Empfehlung, der Ersatzdienst zu verweigern, gab es aber nicht offiziell. Offiziell wurde nur der Wehrdienst verweigert. Wenn aber dann ein ZJ sich an die offizielle Empfehlung hielt und statt des Wehrdienstes den Ersatzdienst ableistete, wurde er anschließend in seiner Gemeinde geächtet. Er durfte nur noch Gemeindeglied sein, aber er durfte Zeit seines Lebens weder ein Amt in der Gemeinde bekleiden, noch durfte er dort öffentlich beten.

So kann man auch seine Staatstreue bekunden!

Ich weiß es zwar nicht sicher, aber ich vermute, dass sich die ZJ in der DDR dem Staat gegenüber nicht anders verhielten als unter den Nazis und ihre Verfolgung dort ganz schön "hochgespielt " haben. Denn in der DDR wurden alle Christen schikaniert. Doch gab es auch Ausnahmen, wenn sich Christen für das Wohl der Allgemeinheit oder auch ihres Betriebes/Staatsbetriebes einsetzten. Ich habe darüber ein Buch eines Eisenbahners gelesen, den man als Christen zunächst tüchtig schikanierte, doch dann brauchte man ihn wegen seiner Kenntnisse. Und da er ein hervorragender Techniker und Organisator war, lies man ihn politisch zuletzt in Ruhe und er nahm vor der Wende eine hohe Stellung bei der Bahn ein. Auch das gab es. Aber es waren Ausnahmen. Normalerweise durfte ein Jugendlicher trotz bester Schulnoten nicht studieren, wenn er nicht an der Jugendweihe teilgenommen hatte. Damit fing die Schikane an. Christen duldete man fast nur als Underdogs.

Liebe Greüße von Reginald.
Bald schon kann es sein, dass wir Gott als König sehn. Halleluja, Halleluja.
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